Feldspat, Quarz und Glimmer…
… die drei vergess ich nimmer.
Wenn man die Berliner Schweinebäuche aus petrologischer (steinkundlicher) Sicht betrachtet, so handelt es sich bei ihnen um magmatische Tiefengesteine (Plutonite) mit einer Dichte von ca. \(\text{2,7}\frac{\text{g}}{\text{cm}^3}\) . Man findet sie im Streckeisendiagramm für Plutonite im Zentrum des oberen Teildreiecks. Daher gilt für sie der eingangs erwähnte Merkspruch, zu ihrer Zusammensetzung. Bei genauerer Beschäftigung mit dem Thema lässt sich herausfinden, dass Berlin seit der ersten belegten Verwendung von Gehwegplatten aus Naturstein vor allem aus Steinbrüchen der Lausitz (vorwiegend Granodiorit), dem Striegauer Gebiet (vorwiegend Granit) und vereinzelt aus dem Fichtelgebirge (vorwiegend Granit) versorgt wurde.
Die genaue Zuordnung zu Gestein oder Steinbruch ist für den Laien schwierig (eigentlich unmöglich), denn Granit und Granodiorit unterscheiden sich nur durch die Zusammensetzung der Feldspäte. Bei Graniten überwiegen die Alkalifeldspäte die Plagioklase. Bei den Granodioriten ist es umgedreht.
Auch für den Fachmann gilt daher "Weil fließende Übergänge zu Granit bestehen, ist eine makroskopische Zuordnung zwischen Granit und Granodiorit am Handstück nicht immer eindeutig möglich." Und um den Sachverhalt weiter zu verkomplizieren, gibt es in der Lausitz Gestein, dass der Definition nach Granit ist und im Striegauer Revier kann man solches finden, das als Granodiorit einzuordnen ist. Frau Dr. Schirrmeister lehrte mich daher den Spruch: "Dem Stein ist es egal, wie wir ihn nennen."
Neben den Feldspäten enthalten beide Gesteine Quarz und mafische Minerale (vorwiegend Biotit (Dunkelglimmer), seltener Amphibole, Pyroxene oder andere. Zu den wichtigen hellen Mineralbestandteilen des Granits gehört auch der Hellglimmer Muskovit.
Damit ist es jetzt Zeit für einen kurzen Exkurs: Wie oben angeführt gibt es ein Streckeisendiagramm für Plutonite. Die Gesteine darauf unterscheiden sich durch ihre Mineralanteile Quarz, Alkalifeldspat, Plagioklas und Foid. Zu jedem Plutonit gibt es ein äquivalentes Vulkanit (Ergussgestein). Dieses kann aus der gleich zusammengesetzten Schmelze entstehen, wenn diese an der Oberfläche erstarrt.
Hintergrund ist, dass Plutonite über einen Zeitraum von Millionen Jahren erkalten, wobei die Minerale in unterschiedlichen Temperaturzonen definiert aus der Schmelze kristallisieren können und sich bei Granit/Granodiorit die typischen Körnchen (von lat. granum "Korn") bilden. Da Ergussgesteine schnell erkalten, entmischt sich die Schmelze nicht und es bilden sich andere Minerale.

Das Äquivalent zu Granit ist Rhyolith, das Äquivalent zu Granodiorit ist Dazit. Ein weiteres Pärchen sind Basalt (Vulkanit) und Gabbro (Plutonit). Da die Magma, aus der Granit entsteht, in der Tendenz eher in der Tiefe erkaltet, ist Granit häufiger als Rhyolith. Die Lava, aus der Basalt entsteht, steigt in der Tendenz eher zur Erdoberfläche auf. Daher ist Basalt häufiger als Gabbro.
Zurück zu unseren Schweinebäuchen: Wer mit gesenktem Blick durch Berlin läuft, dem fallen unterschiedliche Farbschläge der Platten auf. Neben der unterschiedlichen Herkunft und Zusammensetzung (siehe oben) kann hierfür auch ein Prozess bei der Plattenherstellung verantwortlich sein. Im Regierungsviertel liegen relativ neue Granitplatten aus Striegau in einem rot-bräunlichen Ton. Der ursprünglich eher gelbe Granit wurde geflammt und dadurch wurden eisenhaltige Minerale zu Hämatit oxidiert.

Ebenfalls auffällig sind einfarbig graue Bereiche in den gekörnten Oberflächen der Schweinebäuche. Dabei handelt es sich (meist) nicht um eingetretenen Kaugummi (mit dem es manchmal verwechselt wird). Es handelt sich um eingeschlossenes Fremdgestein (Xenolithe). Dieses ist mit Masse Grauwacke. Xenolithe aus Grauwacke entstehen, wenn aufsteigendes oder intrudierendes Magma Grauwacke-Fragmente aus dem umgebenden Nebengestein aufnimmt und diese als Fremdgesteinseinschlüsse konserviert. Auch wenn Xenolithe Hinweise auf die Herkunft geben (können), helfen sie uns in Bezug auf die Berliner Schweinebäuche nur bedingt, da Xenolithe aus Grauwacke zwar meist in der Lausitz auftreten, es sie aber auch im Striegauer Revier gibt.

Während der Entstehung von granitartigen Gesteinen bilden sich natürliche vertikale und horizontale Klüfte. Im Steinbruch findet der Bergmann also bereits quaderförmige Blöcke vor, die leicht abzudrücken sind. Die äußere Schicht dieser Blöcke hatte ein anderes Abkühlungsverhalten als das Innere. Das hatte Einfluss auf das Gefüge. In der Kruste finden wir tendenziell mehr Inhomogenitäten. Als Naturwerkstein ist die unedlere Kruste daher weniger beliebt. Sie wird mit Gattersägen abgetrennt und das Ergebnis sind unsere Schweinebäuche. Die glatte Oberseite ist die Schnittfläche zum Inneren des Blocks. Die runde Unterseite (der eigentliche Schweinebauch) ist die Außenseite des Blocks.

Durch die natürliche Wölbung ist die Charlottenburger Platte (wie der Steinsetzer sie fachsprachlich nennt) gut ungebunden in Sand zu betten. Friert die Platte im Winter hoch, senkt sie sich bei Tauwetter wieder selbstzentriert in ihr altes Bett. Heute verlegte Neuware stammt oft aus chinesischen Steinbrüchen. Sie werden als rechtwinklige Platten aus dem vollen Material gesägt, sind also oben und unten eben und glatt. Für einige Anwendungen ist es daher nötig, sie gebunden zu verlegen. Das ist ein weiterer Nachteil neben dem aus Klimagründen fragwürdigen Schiffstransport von Granit vom anderen Ende der Welt. Nebeninformation: Auch chinesische Neuware zeigt häufig Grauwacke-Xenolithe.
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